Morgens um 5Uhr klingelt der Wecker. Ziemlich unchristlich die Zeit, doch zum Glück ist es draußen schon hell und so geht das Aufstehen einfacher. Von Aufregung noch keine Spur. Schnell Klamotten anziehen und dann zum Frühstück. Ich bin nicht der erste und habe fast Probleme einen freien Tisch zu bekommen. Jetzt wird nochmal geschlemmt. Käse, Schinken, Marmelade, Honig und Ei. Die richtige Mischung macht’s. Ich fühl mich richtig gut heute für meinen ersten Swissalpine.

Reges Treiben vor dem Start des Swissalpine

Im Stadion herrscht schon reges Treiben. Während sich die ersten, darunter auch der Vorjahressieger Jonas Buud, sich einen guten Platz am Start suchen, lassen sich andere noch einmal die Waden von den „Gelben Engeln“ massieren. 10 Minuten vor dem Start kommt mein kleines Ritual. Wie bislang immer in Davos hole ich mir auch heute noch ein Kipferl kurz vor dem Start. Die Tradition will es eben so.

Punkt sieben geht’s dann endlich los. Zuerst Richtung Davos Dorf. Am Horizont erkennt man das neue 5-Sterne Interkontinental Hotel, das zum Winter eröffnet werden soll. Der Mix zwischen Edelherbergen und günstigen Hotels ist hier sehr ausgeglichen. Am Bahnhof Davos Dorf drehen wir und wir laufen wieder zurück. Fast 7 Kilometer verbringen wir damit einmal in Davos auf und ab zu laufen. Irgendwie gar nicht Bergmarathon. Doch nach 10 Kilometern haben wir unsere erste Steigung. Nicht wirklich eine Vorbereitung auf das was uns erwartet. Kaum oben geht’s auch wieder runter, über die Hauptstraße. Hier wartet das erste Highlight des Tages. Nicht der Anstieg, der zwar steil ist, wir freuen uns aber vielmehr auf Spina. Das Bergdorf begrüßt traditionell  mit riesigen Kuhglocken die Läufer. Ein Höllenlärm, was die Einwohner hier veranstalten. Hinter Spina beginnt der erste Trail. Leicht geht es auf und ab bis Monstein. Nach einer 90° Kurve geht es hinunter in die Zünglischlucht. Wunderschön liegt sie da, die alte Straße nach Davos, die inzwischen nur noch Radler und Läufer nutzen. Die Temperaturen sind auch noch erträglich, so knapp über 20°C. An der Bahnlinie schlängelt sich die Strecke Richtung Filisur. Hier verabschieden wir die 30km-Läufer. Die sind schon fertig. Und wir, nach über 3 Stunden, haben noch nicht einmal die Hälfe.

Ab Bergün beginnt das Alpine des Swissalpine

Jetzt geht es recht flach weiter. Knapp 5 Kilometer laufen wir am Bach entlang und wenn man nicht aufpasst kommt man hier leicht ins bummeln. So ging es uns. Zum Glück kam eine Verpflegungsstation und hier nahmen wir wieder unsere Beine in die Hand und weiter ging’s. So langsam kam die angekündigte Hitze. Der Anstieg nach Bergün, dem Start des K42, lag im Schatten. Trotzdem hatten einige Läufer hier schon zu kämpfen. Vielleicht war die kleine Bummelei von uns ganz gut, denn wir zogen unaufhaltsam an vielen vorbei. Bergün lag in der prallen Sonne. Bei Kilometer 40 hatte der Veranstalter eine Wechselstation eingeplant. Ich habe mir ein paar Schuhe zurechtgelegt, denn auf den ersten 40 Kilometern ist es einfacher mit flachem Profil zu laufen. Jetzt kamen meine Mamut-Trailschuhe zum Einsatz. Strahlend weiß, doch lange sollte sie nicht so sein.

Die Strecke führte nun direkt durch das Dorf. Links und rechts der Strecke laden kleine Cafes zum verweilen ein. Wir müssen/dürfen weiter, ganz nach oben. Doch plötzlich sehe ich links ein kühles Bier. Der Gast hatte meine Sehnsucht wohl sofort erkannt und reichte mir das Glas. Ein kurzer Schluck, ungläubiges Staunen und schon lief ich weiter, bereit den Sertig zu erklimmen. Bis Kilometer 50 ist die Strecke nicht recht abwechslungsreich. Der Weg ist breit und liegt ständig in der Sonne. Ich bin im Flow und lasse meine Mitläufer zurück. Ab jetzt läuft jeder sein eigenes Rennen.

Ab Kilometer 50 des Swissalpine geht es aber recht hinein in den Wald und fast senkrecht hoch. Jetzt geht die Tour los. Die ersten schwächeln, haben mit der Hitze und der Kondition zu kämpfen. Wer das Stück geschafft hat, wird mit einem unglaublichen Panorama belohnt und an Horizont kann man schon die Keschhütte erkennen, mein Zwischenziel. Ich kämpfe mich hoch, auch meine Schritte werden schwerer. Ständig überprüfe ich, ob ich denn auch genug trinke. Zwicke meine Haut, alles ist gut. Oben an der Hütte steht der Rennarzt. Brille abnehmen, Augenkontakt aufnehmen. „Alles Gut?“ frag er mich. „Klar“, meine kurze Antwort und schon klatsche ich mit dem Arzt ab. „Aber Durst hab ich“, kommt noch hinterher. An der Hütte herrscht gerade reges Treiben. Läufer laufen auf und ab, holen sich Getränke, Essen und lassen sich Massieren. Der ein oder andere nimmt ärztliche Hilfe in Anspruch. Blasen, Magnesiummangel und Abschürfungen werden hier behandelt. Hinter der Keschhütte beginnt der Höhenweg hinüber zum Sertigpass. Wir sind jetzt auf über 2.500Meter, müssen aber noch einmal etwas hinunter, damit wir dann hoch auf über 2.700 Meter kommen. Kurz vor dem Finalen Anstieg gibt es noch einmal eine Verpflegungsstation. Der Veranstalter hat hier sogar eine kleine Dusche installiert. Das Wasser, 2.000 Liter, wurden extra per Helikopter hochgeflogen. Welch ein Aufwand, der sich aber angesichts der Temperaturen für jeden gelohnt hat.

Der Finale Anstieg des Swissalpine hat es in sich, am besten nicht nach oben gucken, sondern den schönen Bergsee bewundern, dann geht das einfacher. Oben erzählt man uns, dass Jonas Buud zum 7. Mal in Folge gewonnen hat. Dritter wurde der Deutsche Stephan Hugenschmidt. Ich lasse mich erst mal massieren genieße die Aussicht und scherze mit den Helfern. Jetzt kommt mein Teil. 60 Kilometer musste ich dafür laufen, für 3 Kilometer geilsten Downhill. Meine Beine sind gut und ab geht’s. Zwischendurch muss ich immer wieder einmal abbremsen. Die Schneefelder sind inzwischen blankes Eis und einen Sturz brauch ich heute nicht.

Viel zu schnell ist der Trail zu Ende und es geht wieder auf breiten Fahrwegen bis Sertig Dörfli. Links steht dann Andrea Tuffi, der Veranstalter des Swissalpine persönlich, um die Läufer anzufeuern. Ich lasse es mir nicht nehmen mit ihm Abzuklatschen. Für einen Plausch bin ich leider gerade in Runners-High. Unglaublich, das muss man erlebt haben. Ab jetzt kann ich nur noch laufen. Unterwegs vergesse ich zu fotografieren. Das Laufen geht nun wie von alleine. Die finalen Tobel hinunter nach Davos nehme ich leicht und schon sind es nur noch 5 Kilometer. 2 Kilometer vor dem Ziel kann ich den Stadionsprecher hören nochmal ne Schippe draufpacken, Ich laufe bereits seit über 12 Stunden, aber alle Anstrengung ist seit einigen Kilometern verschwunden. Ich laufe wie von selbst. Links rechts links. Der letzte kurze Weg bergab. Unten erkenne ich die ersten Zuschauer in Davos.

Ab jetzt nur noch Asphalt – 800 Meter.  Ich kann’s gar nicht glauben. Ich werde immer schneller. In Davos quälen sich viele nur noch auf den letzten Metern. Ich hab noch ein paar kesse Sprüche auf den Lippen und fliege förmlich den letzten kurzen Anstieg hinauf. Noch einmal nach rechts auf die Zielgerade. Die Zuschauer feiern auch mehr als 5 Stunden nach dem Sieger noch immer die ankommenden Läufer. Ich bin im Stadion. Den zweiten Ultra in diesem Jahr kann mir keiner mehr nehmen. Auf den letzten Metern steht Siegbert, ein Trainingskollege, der heute die 30 Kilometer absolviert hatte. Ich nehme mir die Zeit um kurz mit ihm zu plaudern. Nach 12 Stunden und 22 Minuten laufe ich über die Ziellinie des Swissapline K78.

Meine Laufkollegen und auch Arno kommen etwas später ins Ziel. Alle sind Glücklich die 78 Kilometer des Swissalpine gemeistert zu haben. Es wird nicht der letzte Swissalpine gewesen sein. Am Abend feiern wir alle gemeinsam unsere Leistungen. Bei einem Bergultra kommt es zuerst darauf an anzukommen. Das haben alle geschafft.

Die Party ist recht kurz, aber am kommenden Morgen stehen alle pünktlich um 10 Uhr an der Seilbahn zum Jakobshorn – Beine vertreten.  Es ist schön verrückt. Da läuft man am Vortag knapp 80 Kilometer und am nächsten Tag geht es wieder hoch zum Bergwandern. Das Ergebnis am Montag, Neben Stolz ist auch der Muskelkater erträglich. Jetzt brauch ich mal ne Woche Sportpause. Doch der nächste Lauf steht schon – der Transalpine-Run von Oberstdorf nach Latsch. Die Vorfreude beginnt.

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