Doping beim Trailrunning – unmöglich, oder doch?

von | 18. Juli 2016 | Top Thema

Was für ein Aufruhr war das letztes Jahr, als Lance Armstrong verkündete, nach dem Radfahren sich nun mehr dem Traillauf widmen zu wollen. Kommentare wie, „unser Sport soll sauber bleiben“, „wir brauchen keine Doper“, waren eher die Regel denn die Ausnahme. Klar, mit Lance Armstrong kommt einer der größten „Betrüger“ unserer Zeit in unseren geliebten Sport. Natürlich tut sich hier die Frage auf, ob jemand der bei sieben Tour de France-Siegen gedopt war, nun in der Lage ist, einen Sport sauber zu betreiben. Doch ist unser Sport wirklich so sauber, wie es alle vorgeben.

Unser Sport ist sauber

Obwohl viele Sportarten, wie Radfahren, Leichtathletik, in den letzten zwei Jahrzehnten gerade bei den Elite-Sportlern den Sport in Misskredit gebracht haben, hat das Ultrarunning und Trailrunning noch immer stetigen Zulauf. Unglaubliche Leistungen müssen hier vollbracht werden. Die Strecken sind länger und härter als bei einem Marathon und doch werden diese Läufe immer beliebter, da die Zahl der Freizeitläufer stetig steigt.

Durch die steigende Popularität steigen auch die Preisgelder und die Elite-Sportler werden inzwischen mit gut dotierten Sponsoring-Verträgen ausgestattet. Der Sport wird professioneller. Auch die Medien berichten immer häufiger von unserem Sport. Wir stehen gerade an einem Wendepunkt.

Bei all dem ist die Versuchung groß auch unerlaubte Mittel einzusetzen. Noch ist Trailrunning sauber, noch. Die Italienerin Elisa Desco gewann im vergangenen Dezember die The North Face Endurance Challenge in den Marin Headlands in der Nähe von San Francisco. Viele Elite-Läufer protestierten, denn Desco ist eine bereits vorbelastete Bergläuferin, die 2009 die Berglaufweltmeisterschaften gewann, mit EPO! Nachgewiesen wurde ihr aber nichts. Wichtig zu wissen, hier handelte es sich um eine Veranstaltung der IAAF (International Association of Athletics Federations). Trailrunning wird aber maximal über die ITRA (International Trailrunning Association) kontrolliert.

WADA ist das Kontrollorgan

Sämtliche Topsportler unterliegen den Regeln der WADA, der World Anti-Doping Association. Die Sportler müssen genau angeben, wo sie sich sieben Tage die Woche aufhalten, 24 Stunden. Sie sind nicht gefeit, dass sie auch mal Nachts raufgekringelt werden, um Dopingtest über sich ergehen zu lassen. Werden sie nicht angetroffen kommen Verwarnungen. Nach dem dritten Mal gleich eine Sperre. Der Sportler ist gläsern. Schlupflöcher sollten nach der Regel gering bis unmöglich sein. Die Hahner-Twins erzählen hier von ihren Erlebnissen mit den Doping-Behörden.

Bei den Rennen der IAAF sind die Kontrollen sehr restriktiv. Die Sieger werden direkt nach dem Lauf zur Kontrolle gebeten. Und doch gibt es bei vielen Marathons und Leichtethik-Veranstaltungen offene Fragen.

Keine Kontrollen beim Trailrunning

Beim Trailrunning ist das anders. Ich war baff erstaunt. Während meiner Recherche habe ich kein Rennen gefunden, wo die Sieger nach dem Lauf kontrolliert wurden, oder irgendein anderer Sportler. Egal ob die Strecke 10 Kilometer oder über 200 Kilometer lang war. Egal ob in Deutschland, sonst wo in Europa oder in den USA. Bedeutet das, dass unser Sport so sauber ist, dass es keine Kontrollen braucht. Der Sportsgeist noch ganz oben steht?

Im Trailrunning wird ja immer der Gemeinschaftsgeist propagiert. Jeder hilft jeden. Keine Ellbogen, selbst beim Elite-Feld. Wir sind alle da, um gemeinsam in den unglaublichsten Umgebungen und Landschaften zu laufen. Was für eine heile Welt und wie verlogen!

Klar, wenn man in den Bergen unterwegs ist und eine Mitläufer stürzt, sind andere Läufer zum Helfen verpflichtet, dem 99% auch sofort nachkommen, ohne auf die eigene Zeit zu schauen. Das passiert natürlich auch bei den Elite-Läufern. Hier gibt es ihn, den Sportgeist. Doch Sportsgeist heißt nicht immer mit legalen Mitteln.

Tests sind teuer

Dopingkontrollen sind für den Veranstalter kein billiges Unterfangen. Ein fünf-stelliger Betrag ist pro Wettkampf einzurechnen, um ein nach WADA-Regeln organisiertes Kontrollsystem zu etablieren. Viele Veranstalter scheuen diese Kosten, vor allem weil sie nicht vorgeschrieben sind. Oft sind die Veranstalter Agenturen, die ihre Kosten dadurch gut optimieren können und vor allem kritischen Tönen entgehen können. Man stelle sich nur einmal vor, bei einem beliebten Trailevent werden die Sieger des Dopings überführt. Läufer, die im Vorfeld hoch gelobt wurden, ziehen nicht nur sich sondern auch den Event und den Sport in den Sumpf der unerlaubten Leistungssteigerung. Unsere heile Welt wäre dahin. Wäre sie das wirklich?

Leistungsexplosion

In den vergangenen Jahren steigerten sich auch die Leistungen bei den Ultraberglauf-Events. Inzwischen werden Zeiten gelaufen, die zu Beginn noch für unmöglich gehalten wurden. Kilometerzeiten von unter sechs Minuten im bergigem Gelände mit steilen Anstiegen und Abstiegen, die in der Regel eher gelaufen werden können denn gerannt. Die Elite stößt gerade in eine neue Dimension vor, die die Grenzen kolossal verschiebt. Streckenrekorde sind an de Tagesordnung. Läufer erscheinen auf der Bildfläche, die selbst Insidern unbekannt waren. Die Spitze wird breiter, was dem Sport gut tut. Dadurch wird auch die Professionalisierung voran getrieben. Das macht natürlich auch beim den Amateuren Appetit auf mehr.

100 Kilometer durch die Berge

Ein Ultraberglauf ist für viele nicht vorstellbar und doch wird die Gruppe der Starter immer größer. Was früher der Marathon war ist heute der Ultraberglauf. Die Vorbereitung ist immens und die Belastung während des Laufs um ein vielfaches höher.

Ich habe einige Läufer befragt, was sie so alles machen, um die stellenweise 24 Stunden lange Hatz über die Berge zu überstehen. Mir stockte der Atem! Was ich hörte war eine Lagerliste von gut ausgestatteten Apotheken, die sich die Läufer einverleiben. Asthmasprays, Schmerzmittel, usw.. Vor und während des Laufs sind Schmerzmittel an der Tagesordnung. Um zum einem Schmerzen vorzubeugen oder den Lauf wenigstens beenden zu können. Dabei wird oft mit Dosierungen hantiert, die definitiv bleibende Schädigungen hervorrufen können. Nein ich bin kein Arzt, aber wer während eines Laufs 6 Ibuprofen 600 zu sich nimmt, hat auf einem Sportevent nix verloren!

Einer anonymen Umfrage zufolge, die von iRunFar.com im vergangenen Sommer veranstaltet wurde gaben von 705 Befragen 63 Sportler zu, schon einmal im Vorfeld oder während eines Laufes leistungssteigernd Mittel zu sich genommen zu haben. Das sind 9%. Hochgerechnet beim größten Deutschen Trailrunningevent, dem Zugspitzutratrail mit 2.500 Startern könnten mehr als 200 Sportler mit leistungssteigernden Mitteln um das Wettersteingebirge unterwegs gewesen sein. Zum Glück ist das nur eine hypothetische Hochrechnung, oder doch nicht?

Ich spreche hier nicht von den Eliteläufern – es geht um die Läufer im Mittelfeld oder hinten in den Rennen, für die es oft die Erfüllung eines Traums ist, einmal ein solches Rennen zu bestreiten um am Ende das begehrte Finisher-Shirt überzustreifen.

Viele betreiben Schindluder mit ihrem Körper. Einmal in der Mühle der Trailläufe kommt man nicht mehr so leicht raus. Es ist wie eine Sucht, hinaus in die Berge zu müssen. Gerade die Großstädter sind hier schnell infiziert. Anstatt jeden Tag am Schreibtisch dahin zu darben, wollen sie das Erlebnis in den Bergen. Und anstatt sich langsam an die Distanzen heranzutasten geht es viel zu schnell und auch zu oft an die ganz langen Distanzen. Mein Artikel zum DNF zeigt dieses Problem gut auf. Es genügt nicht mehr einen moderaten Lauf zu absolvieren. denn selbst ein Lauf über 50 Kilometer in den Bergen wird heute beiläufig unter den Sportlern als kurz bezeichnet.

Und nein, so ein Lauf ist nicht der einzige Höhepunkt im Laufjahr, es gibt davon gleich mehrere.

Belastung für den Körper

Der Körper wird unglaublichen Belastungen ausgesetzt, denn nicht nur der Wettkampf selbst, sondern auch die Vorbereitung sind höchste Belastungen für den Körper, besonders für Muskulatur und Knochen. Und Regeneration fällt gleich komplett der Vorbereitung für den nächsten Event zum Opfer.

Da kommt es leicht vor, dass Schmerzen ignoriert oder bewusst mit „Mittelchen“ unterdrückt werden. Geht mal in Euch und denkt mal darüber nach, wie oft ihr schon mit Schmerzen unterwegs ward. Wer ist noch nicht mit Schmerzmitteln gelaufen?

Denkt daran, das ist vielleicht legal, aber leistungssungssteigernd allemal, wenn man den Schmerz unterdrückt. Das ist Sport mit unerlaubten Mitteln. Ich liebe meinen Sport und ich möchte, dass er auch weiterhin sauber bleibt!

Ach ja, von Lance habe ich nix mehr gehört in Sachen Trailrunning.

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